Totentaufe bei den Mormonen – Kann man Verstorbene wirklich taufen?


Die Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage) tauft auch Tote, stellvertretend. Es reicht, wenn der Name einer verstorbenen Person bekannt ist. Dann kann ein Mitglied ihrer Kirche sich in ihrem Namen taufen lassen. Sie lehren, der Tote könne diese Taufe im Jenseits annehmen und damit im Jenseits eine bessere Position erreichen.

Woher stammt diese Lehre, man könne Tote stellvertretend taufen? 

Aus der Bibel stammt diese Lehre nicht. In einer Presseerklärung der Mormonen heißt es:

“Die Lehre von der Taufe für die Verstorbenen wird im Neuen Testament erwähnt (siehe 1 Korinther 15:29), aber die Grundlage dieser Lehre findet sich in den neuzeitlichen Offenbarungen an Joseph Smith.”

Den einen Vers aus dem ersten Korintherbrief schauen wir uns gleich noch genauer an. Halten wir zunächst fest: selbst die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage gibt zu: die Grundlage ihrer Totentaufen ist nicht die Bibel. Die Grundlage ist auch nicht das Buch Mormon, sondern vielmehr die “Offenbarungen an Joseph Smith”.

Die Totentaufe gehört – ähnlich wie die Polygamie und die Lehre von der Erhöhung – zu den späteren Entwicklungen dieser Kirche. Sie kann sich daher nicht im Buch Mormon finden, denn dieses wurde schon 1830 veröffentlicht.

Smith hat die Lehre von den Totentaufen zum ersten Mal am 19. Oktober 1840 verkündet. 10 Jahre nach der Veröffentlichung des Buchs Mormon. Anlass war das Begräbnis von Seymour Brunson (Wikipedia), einem frühen Anhänger von Joseph Smith.

In den Heiligen Schriften der Mormonen findet sich die Totentaufe kurz darauf das erste Mal in “Lehre und Bündnisse” im Kapitel 124, datiert auf den 19. Januar 1841.

Wie viele stellvertretende Taufen gibt es?

Diese Lehre führt zum einen zu einem großen Aktenwälzen in den Kirchenbüchern, um die Namen der Verstorbenen zu ermitteln.  Zum zweiten führt sie zu einer großen Zahl von stellvertretenden Taufen in den mormonischen Tempeln.
Mich interessierte, wie oft sich eine Person stellvertretend taufen lassen kann, und so habe ich einen mormonischen Missionar gefragt. Er sagte mir: nach seiner eigenen Taufe (mit rund 12 Jahren) bis zum Beginn seines Missionsdienstes, also 5-6 Jahre lang, jede Woche 2x, jeweils 10 Taufen pro Sitzung, insgesamt also rund 6000 mal.

Biblisches Prinzip: Zwei oder drei Zeugen

Fangen wir mit etwas grundsätzlichem an: mit dem Grundsatz der zwei oder drei Zeugen. Zu biblischen Zeiten galt: Niemand konnte auf Basis von nur einem Zeugen verurteilt werden. Es musste mindestens zwei, besser drei Zeugen geben, die eine Anschuldigung bestätigten. 

5. Mose 19,15: “Ein einzelner Zeuge soll nicht gegen jemand auftreten wegen irgendeiner Schuld oder wegen irgendeiner Sünde, mit der man sich versündigen kann; sondern auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen soll jede Sache beruhen.”

Dieser Grundsatz findet sich häufig in der Bibel:
4. Mose 35,30; Deu 17,6; Deu 19,15; Mat 18,16; Joh 8,17; 2 Kor 13,1; 1Ti 5,19; Heb 10,28

Paulus selbst wendet diesen Grundsatz in 2 Kor 13,1 auch auf geistliche Fragen an. Deshalb ist der Grundsatz “wir brauchen mindestens zwei Zeugen” auch für die Frage nach den Totentaufen wichtig. Eine Schwalbe macht keinen Sommer und ein einzelner Bibelvers allein macht noch keine biblische Lehre. Es muss vielmehr jeder Vers so ausgelegt und so verstanden werden, dass er zum gesamten biblischen Kontext passt. Auf einem einzelnen Vers kann und darf man keine Lehre aufbauen. 

Und in der Bibel gibt es zu den Totentaufen nur diesen einen Vers. Es gibt auch in der ganzen Bibel keine Beispiele dafür, dass diese Form der Taufe so praktiziert wurde, wie die Mormonen sie verstehen.

Für die Taufe an sich gibt es viele Lehraussagen in der Bibel und es gibt mehrere Beispiele für Taufen, besonders in der Apostelgeschichte. Immer waren diese Personen am Leben. Immer haben sie selbst geglaubt. Getauft wurde immer auf Basis des eigenen Bekenntnisses. Auch im Buch Mormon ist es so. Um zu verstehen, was Paulus mit der Totentaufe meint, muss man also schauen: wie fügt sich dieser eine Vers in das gesamte Zeugnis der Heiligen Schrift ein.

Was ist der biblische Zusammenhang?

Lass uns daher zuerst schauen, was die Bibel an anderen, an klaren Stellen lehrt, zum einen über die Taufe, zum zweiten über den Zustand der Toten.

Getauft wurde auf Basis des Glaubens. Hier nur ein Beispiel:

“Als sie aber dem Philippus glaubten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündigte, ließen sich Männer und Frauen taufen.” (Apg 8,12)

Zwischen Tod und Auferstehung sind die Menschen kein schwebendes Geistwesen in einer Geisterwelt. Die Bibel ist hier in einer Fülle von Versen ganz klar. 

Prediger 9,10: “Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn im Totenreich, in das du, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.”

Im Zustand des Todes gibt es kein Denken, kein Handeln, und keinen Zugewinn an Weisheit. Deshalb wartet die christliche Kirche nicht auf den Zustand eines schwebenden Geistwesens, sondern auf die Auferstehung der Toten bei der Wiederkunft von Jesus.

Deshalb sagt die Bibel auch:

Hebräer 9,27: “Es ist dem Menschen bestimmt, EINMAL zu sterben, danach aber das Gericht.”

(Mehr zu dem Zustand der Toten bis zur Auferstehung findest du in diesem Artikel.)

Es ist daher eine Illusion zu glauben, man könne einen Toten stellvertretend taufen und dieser könne dieses Angebot dann in der Geisterwelt annehmen, wenn er es denn will. Der Gedanke mag gut gemeint erscheinen, aber er ist theologisch unhaltbar.

Wenn das ginge, dann könnte man ja auch gleich Babys taufen, nur zur Sicherheit, falls sie am plötzlichen Kindstod sterben, um sicherzustellen, dass sie getauft sind. Ob sie das dann persönlich annehmen, wäre deren spätere Entscheidung. Die lutherische Kirche argumentiert ja genau so. Aber es ist falsch. Alle baptistischen Kirchen haben das erkannt und taufen ausschließlich auf der Basis des eigenen Glaubens. Interessanterweise besteht auch das Buch Mormon auf dem Bekenntnis des eigenen Glaubens vor der Taufe. Das ganze Kapitel Moroni 8 redet davon. 

Wichtig ist auch zu erkennen: die Taufe ist nicht heilsnotwendig. Damit mich hier niemand missversteht: Gott möchte, dass Menschen ihren Glauben an Christus bekennen und sich taufen lassen. Gott versteht es aber auch, wenn die Taufe im Ausnahmefall nicht möglich ist.

Man kann dies sehr gut an den beiden Verbrechern sehen, die links und rechts von Jesus gekreuzigt wurden. 

Mt. 23,39-43
“39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.”
Dieser eine Mann war definitiv nicht getauft. Und doch sprach Jesus ihm zu: er würde mit Jesus im Paradies sein. 

Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Erklärungen von 1. Kor. 15,29, die zum gesamten biblischen Zeugnis passen. Die mormonische Sichtweise ist keine von ihnen. 

Mich hat die folgende Erklärung von 1. Kor 15,29 überzeugt.

Was steht zur Totentaufe wirklich in der Bibel?

Schauen wir uns nun den Text aus dem Korintherbrief an. Zur Totentaufe gibt es nur einen einzigen Vers in der Bibel. Sie wird dort nur im Vorbeigehen erwähnt. Eigentlich ist das Thema des Abschnittes ein ganz anderes und es lohnt sich, den ganzen Abschnitt zu lesen, also 1. Kor 15,12-49. Das ist jetzt zu lang, um es hier vollständig zu zitieren.  (online z.B. hier

Das Thema des ganzen Abschnitts ist die Auferstehung der Toten. Einige Mitglieder der Gemeinde (Vers 12) haben behauptet, es gäbe gar keine Auferstehung der Toten. Paulus stellt klar: Vers 14: “Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Verkündigung vergeblich, und vergeblich auch euer Glaube!”
Es macht also gar keinen Sinn, Christ zu werden, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt. Das ist die Argumentation von Paulus, und genau um diesen Punkt geht es.

Nun schauen wir uns Vers 29 und die direkt darauf folgenden Verse an. Wir können Vers 29 nicht isoliert betrachten. Wir müssen bis Vers 32 lesen, denn Vers 29 ist mit den folgenden Versen durch das Wort “und” verbunden. Diese Verse gehören zusammen.

“29 Was würden sonst die tun, die sich für die Toten taufen lassen, wenn die Toten gar nicht auferweckt werden? Weshalb lassen sie sich denn für die Toten taufen? 30 Und warum begeben auch wir uns stündlich in Gefahr? 31 So wahr ihr mein Ruhm seid, den ich habe in Christus Jesus, unserem Herrn: Ich sterbe täglich! 32 Wenn ich als Mensch in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft habe, was nützt es mir, wenn die Toten nicht auferweckt werden? – »Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!«”

Der Kontext von Vers 30 ist Verfolgung für den Glauben an Jesus, bis hin zum Tod. Paulus hat das selbst erfahren: christlicher Glaube kann lebensgefährlich sein. Auch heute noch bezahlen viele Christen ihren Glauben mit ihrem Leben, besonders in islamischen Ländern. Paulus sagt klar: Das wäre sinnlos, wenn die Toten nicht auferstehen. 

Das “und” zeigt uns: auch in Vers 29 geht es um dasselbe Thema, also um Verfolgung um Jesu willen.

Hierzu sollten wir noch einen kurzen Blick in das griechische Original werfen, in dem dieser Text geschrieben ist:
“Für die Toten” heißt auf Griechisch “hyper ton nekron”. Die Präposition “hyper” hat ein breites Spektrum an Bedeutungen. Die Mormonen interpretieren es hier als “anstelle von”. Sinnvoller und im Kontext passender ist es aber hier die Bedeutung “um … willen”  oder “in Hinsicht von/mit Blick auf”.

Ein Beispiel für diese Verwendung von “hyper” ist 2. Thess. 1,4:
“so daß wir selbst uns im Hinblick auf euch rühmen in den Gemeinden Gottes wegen eures standhaften Ausharrens und eurer Glaubenstreue in allen euren Verfolgungen und Bedrängnissen, die ihr zu ertragen habt.”

Und genau so ist auch das Wort “hyper” in 1. Kor. 15,29 zu verstehen:

“Was sollen also diejenigen tun, die sich in Hinblick auf die Toten taufen lassen”.

Gemeint ist: ein Christ hat mit seinem Leben für seinen Glauben bezahlt. Er hätte sein Leben retten können, wenn er Jesus verleugnet. Aber er hat es nicht getan, weil er an die Auferstehung und das ewige Leben geglaubt hat. Diese Opferbereitschaft hat Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte überzeugt, die bisher noch keine Christen waren. Auch sie kommen zum Glauben und lassen sich taufen.

Paulus fragt nun: „Was sollte das bringen, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt?“ An dieser Auferstehung hatten einige Gemeindemitglieder in Korinth ja gezweifelt. Deshalb nimmt Paulus sich die Zeit, die Auferstehung zu erklären.

Die mormonische Totentaufe löst keine Probleme

Die mormonische Praxis der Totentaufen löst auch keine theologischen Probleme. Die Frage, was mit denen ist, die nie die Chance hatten, sich zu Jesus zu bekennen, hat Christen seit Jahrhunderten bewegt. Aber die mormonische Antwort darauf ist falsch.

Sie funktioniert allein deshalb schon nicht, weil es von der Mehrzahl der bisher verstorbenen Menschen keine irdischen Unterlagen gibt. Weder aus dem römischen Reich noch aus dem Mittelalter noch aus Amerika vor der Entdeckung durch Kolumbus noch aus Afrika. Bekannt sind höchstens die Vorfahren von berühmten Adligen oder Herrschern.

Warum sollte Gott sich für die Ewigkeit davon abhängig machen, ob jemand in Ägypten vor 4000 Jahren einen Namen aufgeschrieben hat?

Schlussbemerkungen

Wie ich oben schon sagte: Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Erklärungen von 1. Kor. 15,29, die zum gesamten biblischen Zeugnis passen. Die mormonische Sichtweise ist keine von ihnen. 


Der wichtigste Einwand ist: wie schon oben erklärt, können die Verstorbenen im Totenreich nichts denken, erkennen oder entscheiden, folglich könnten sie auch nicht entscheiden, ob sie eine stellvertretende Taufe annehmen wollen oder nicht.

Mehr Artikel über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen) findest du hier.

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